Campi, Seilbahn und Nordbrücke

Campi, Seilbahn und Nordbrücke

 Das Wort Campus (lateinisch: Feld) steht im universitären Zusammenhang für ein geschütztes Areal, auf dem sich studentisches Arbeiten, Wohnen und interaktives Leben entfalten kann. Eine besonders aus England oder den USA bekannte studentische Kultur, geprägt von Fußläufigkeit, Ruhe und Wiesen. Die Planungen zur Verkehrsführung für Aachens größtes Bauprojekt, dem Campus West weisen hingegen eher in eine andere Richtung: Straßen und mehrere anzuschließende Parkhäuser und Tiefgaragen bedienen nicht gerade studentische Grundbedürfnisse. 

Mit dem Bebauungsplan 923 ist ein Masterplan für die Verkehrsführung für das größte Aachener Bauvorhaben verabschiedet. Für den Campus West werden im Plan ÖPNV-Trassen, Schwerlastverkehr, KFZ- und auch Radverkehr berücksichtigt. Bedürfnisse von Fußgängern und Barrierefreiheit sind tendenziell nebensächlich behandelt, bzw. auf spätere Detailplanung verschoben. Die Gruppe uni.urban.mobil hat zu diesem Bebauungsplan bereits umfangreiche Stellungnahmen formuliert und Verbesserungsvorschläge eingebracht. Aufgrund der umfangreichen KFZ-Planung muss dort bereits um wenige Zentimeter Boden gerungen werden. Wir schließen uns der gut fundierten Kritik der uni.urban.mobil an. 

Dabei hat Aachen zum ÖPNV-Verkehrsbedarf für den Campus West bereits seit 2009 den Königsweg in der „Schublade“ – nur leider in die Unterste verlegt: Eine im Auftrag der Stadt Aachen erstellte Machbarkeitsstudie von 2008/09 weist aus, dass eine Seilbahn die beste aller untersuchten Varianten ist für die Verbindung zwischen Innenstadt (Audimax, altern. Westbahnhof) – Campus West – Campus Melaten – und Universitätsklinikum. Der UWG-Aachen wurde die Möglichkeit einer ÖPNV-Seilbahn für Aachen erstmals 2014 angetragen. In zunehmender Beschäftigung mit dem Thema  verwandelte sich unsere anfängliche Skepsis in Begeisterung. Nach weitergehenden Recherchen haben wir 2020 in zwei Beiträgen auf unserer Webseite dazu Stellung bezogen: Seilbahnen für Aachen – schnell und nachhaltig und Verkehrswende und Mobilität in Aachen

Die Gutachter der Machbarkeitsstudie zeigen zudem eine zusätzliche Option auf: die einfache Verlängerung dieser Seilbahnlinie über die Vaalserstrasse bis hin zum Drilandenpunt. Dennoch entschied sich der damalige Stadtrat für die zweitbeste Lösung: eine Campus-Straßenbahn sollte umgesetzt werden. Dieses Vorhaben wurde jedoch 2013 mit einen Ratsbürgerbescheid durch die Aachener abgelehnt.

In den folgenden Jahren wurde die Planung des Westcampus weiter vorangetrieben, ohne dass eine adäquate Lösung für den ÖPNV entwickelt worden wäre. Vielmehr wurde 2020 mit dem Bebauungsplan 923 das ursprüngliche Plangebiet über den Toledoring hinaus nach Norden erweitert, und zwar um in dem dann neu zu erschließendem Gebiet eine „Nordbrücke“ zur Querung der Eisenbahn unterzubringen.

Der Bedarf für den ÖPNV zwischen Innenstadt, Westcampus, Campus Melaten und Klinikum betrifft eine recht kurze Strecke mit kurzzeitig auftretenden hohem Passagieraufkommen. Herausfordernd dabei ist die Querung der Bahnstrecke. Genau für solche Bedarfe empfiehlt inzwischen selbst das Bundesverkehrsministerium ÖPNV-Seilbahnen. Zudem hat das BMV einen „Handlungsleitfaden für Kommunen, Verkehrsunternehmen und Verbünde (download)“ herausgebracht.

 

aus „Urbane Seilbahnen im öffentlichen Nahverkehr“, Bundesministerium für Verkehr, 2022, (download hier)

Bereits im November 2020 haben wir eine begründet ablehnende Eingabe zum Bebauungsplan Nr. 923  verfasst. Zuletzt stellten wir 2023 einen Ratsanfrage zur Berücksichtigung einer 3-S-Seilbahn im Planungsgebiet Westcampus. Die Antwort auf unsere Frage war, dass man auf Seiten der Verwaltung dazu keine Kapazitäten habe …

Die noch verfolgte Errichtung einer Nordbrücke ist landschaftsfressend, Ressourcen verschwenderisch und teuer. Die Brücke ist aufgrund langer Steigungswege und einem etwa 1,5 km langen Umweg für den Rad- und Fußgängerverkehr ungeeignet. Der argumentativ herangezogene Schwerlastverkehr kann ohne Zweifel über den Toledoring abgewickelt werden. Der auf dem auslaufenden Höhenzug noch aufbauende Brückenbau ist ein erheblicher landschaftliche Eingriff. Aufgrund des wegfallenden jetzigen Baumbewuchses betrifft dies nicht nur den gesamten Ortsteil Laurensberg, sondern auch die nordwestliche Windzufuhr für die Innenstadt. 

Im Vergleich zur früheren Planung der Campusbahn würde sich zudem ein um 1,5 km verlängerter Schienenweg ergeben. Das letzte im Bebauungsplan 923 verbliebene Argument für die Nordbrücke ist deren „spätere eventuelle Nutzung für Schienenverkehr“. Dies verkennt jedoch den damit verbundenen Zeit- und Finanzierungsbedarf, nämlich etwa ca. 12 Jahre bis Umsetzung und mindestens 260 Mio€ für die neue, verlängerte Stadtbahnstrecke.

Der ÖPNV-Lückenschluss zwischen den Innenstadt – RWTH- Campi – Klinikum ist mit einer Seilbahn attraktiv, kostengünstig, klimaneutral, schnell realisierbar sowie geräusch- und personalarm im Betrieb. Zudem ist keine Wohnbebauung von der Strecke betroffen. Auf  den umfangreichen Parkflächen am Klinikum könnten zudem neue Parkhäuser entstehen. Dort und in den Parkräumen des Campus Melaten könnten Besucher und Angestellte der universitären Einrichtungen einparken und bequem (auf Level 1 oder 2) in den attraktiven Steigförderer Seilbahn umsteigen. Ein weitestgehend KFZ-freier Campus-West böte dann Raum für wirklich studentisches Leben.

Auch wegen des sich demographisch abzeichnenden deutlich veränderten Verhaltens in der gegenwärtigen und zukünftigen Mobilität fordern wir hier eine Revision und Überarbeitung des Bebauungsplanes 923. Wir empfehlen allen damit befassten Politikern, Verwaltungsbediensteten und Planern dringend die Lektüre des oben verlinkten Handlungsleitfadens des Bundesverkehrsministeriums. 

Weiter unten finden sich einige Auszüge aus dem noch rechtkräftigen Bebauungsplan 923.

Was würde es bedeuten, jetzt nochmal einen rechtskräftigen Bebauungsplan im Punkt der Verkehrsführung so massiv zu ändern?

Uns ist bewusst, dass eine wie oben geforderte Revision und Änderung der Verkehrsplanung des Bebauungsplans im politischen Handeln sehr ungewöhnlich wäre und weitreichende Folgen hat.

Es geht im Kern um die Vermeidung von unmittelbar und zukünftig anfallenden Kosten, die im direkten Zusammenhang mit der beschlossenen Verkehrsführung und der Errichtung einer Nordbrücke für den späteren schienengebundenen ÖPNV stehen.

Im Vergleich zu der gutachterlich befürworteten ÖPNV-Seilbahn ergibt sich in erster Abschätzung folgende Güterabwägung (Opportunitätskosten):


A: Planung nach Bebauungsplan 923 + Stadtbahn, veröffentlichte Kosten

Nordbrücke bis Mathieustraße, 2020                                 20,3 Mio€
Folgekosten für Campus-Stadtbahn, 2013                      243 Mio€
Summe bis zur Realisation mit ÖPNV:                                                                             263 Mio€ minimal
Betriebsfolgekosten für einen Personenkilometer, 2008:                         0,054 €

B: Revision und Änderung des Bebauungsplanes, voraussichtliche Kosten ab 2026

verlorener Planungsaufwand 2020-2025
(bei Stadt AC, Campus GmbH, BLB NRW)                        10 Mio€
nachzuholende Planungen                                                     10 Mio€
eventuelle Bauverzögerungen                                               10 Mio€
zu vergebende Aufträge Seilbahn                                        100 Mio€
Summe bis zur Realisation mit ÖPNV:                                                                             130 Mio€ maximal
Betriebsfolgekosten für einen Personenkilometer, 2008:                          0,024 €

Diese Güterabwägung basiert
für A auf voraussichtlichen Kosten, die 2013 bzw. 2020 angesetzt und kommuniziert wurden.
für B auf voraussichtlichen Kosten, die 2025 konservativ abgeschätzt sind.
Für beide Fälle A und B werden sich bei detaillierter Betrachtung noch Auf- und/oder Abschläge ergeben.


Das Anwerben von staatlichen und europäischen Fördermitteln für ÖPNV-Seilbahnen ist im Vergleich zu ÖPNV-Stadtbahnen deutlich vielversprechender (siehe dazu Handlungsleitfaden für Kommunen … , BMV Seite 110-113).

Wir möchten hier lediglich die finanzielle Dimension der Fragestellung aufzeigen. Nicht betrachtet sind ökologische, sozialpolitische und Auswirkungen auf das Image der Stadt.

Wir fordern alle Fraktionen des zukünftigen des Stadtrates auf, sich dieser Frage zu stellen. Und wir werden hoffentlich eine Lösung im Sinne des MITEINANDER POSITIV GESTALTEN finden.

Ungewöhnliche Zeiten erfordern auch ungewöhnliches und mutiges Handeln!