Seilbahnen für Aachen: schnell nachhaltig

Mit Seilbahnen assoziiert man in erster Linie hohe Berge, spektakuläre Ausblicke und Urlaubserinnerungen. Als städtisches Verkehrsmittel werden sie bislang kaum wahrgenommen. Obwohl bereits seit einigen Jahren in der Fachwelt diskutiert, findet sich in Deutschland bis heute keine realisierte reine Nahverkehrslinie im städtischen Bereich.

Es würde den Rahmen sprengen, alle Aspekte von Seilbahnen im ÖPNV ausreichend zu beleuchten. Eine gute Übersicht über ÖPNV-Seilbahnprojekte und Hindernisse finden sich in einer Studie von Joel Jakob Hamborg (2016) unter dem Titel: „Seilbahnen als urbanes Verkehrsmittel – Potentiale für den öffentlichen Personennahverkehr und Barrieren in der Projektimplementierung“. (Eine Sammlung weiterführender links findet sich am Textende.)

Vorteile moderner Seilbahnen: unschlagbar

Im Vergleich der Verkehrsträger gibt es zahlreiche einleuchtende Argumente, die für den Bau und die Nutzung von Seilbahnen im ÖPNV sprechen:

  • geringster Flächenverbrauch
  • Kürzeste Bauzeit
  • Geringster Investitionsbedarf
  • Geringste Folgekosten
  • Als „Stetigförderer“ praktisch keine Wartezeiten für die Nutzer
  • Keine Lärmbelastung
Bisherige Systemgrenzen von urbanen Seilbahnen sind überwindbar

Seilbahnen werden bislang im ÖPNV als nur begrenzt netzfähig beschrieben. Kein Wunder: Umsteigefreie Kreuzungen waren technisch lange nicht möglich, Einmündungen und Abzweigungen schwer zu realisieren. Diese begrenzte Netzfähigkeit hat dazu beigetragen, dass nur in Ausnahmen komplexere Seilbahnsysteme entstanden sind (wie beispielweise in La Paz, Bolivien oder in Medellin, Kolumbien).

Hier hat sich aber inzwischen Einiges getan. Neue Entwicklungen beinhalten mit dem Verkehrsaufkommen getaktetes Einbinden bzw. Auskoppeln von Gondeln. Eine wirkliche Innovation etwa ist der an der RWTH entwickelte „up-bus“. Hier können die „Gondeln“ auf autonom fahrende elektrogetriebene Fahrgestelle umgeladen werden und weitere Ziele anfahren.  Damit lassen sich Passagiere an die Seilbahn heranfahren und von den Stationen zu „externen“ Haltestellen transportieren. So können verschiedene Seilbahnlinien verknüpft werden – ohne das ein Umsteigen nötig ist! Komplexe netzfähige Systeme sind also realisierbar. Es wundert nicht, dass mit Trier bereits die erste Stadt ein vertieftes Interesse an einer Up-Bus Lösung zeigt.

Wer zeigt die „Best Practice“?

Weitere Gründe, warum Seilbahnen bisher keine große Beachtung gefunden haben, sind dagegen meist nicht technischer Natur. Seilbahnen sind ein relativ neues urbanes Verkehrsmittel. In Standardwerken zum ÖPNV und in der Lehre an den Universitäten finden sie daher wenig Aufmerksamkeit. Besorgte Anwohner leisten mit häufig emotional gefärbten Bedenken oftmals Widerstand in frühen Planungsphasen. Planern fehlt das Wissen, um Seilbahnen in Betracht zu ziehen.

Ohne ein „Best-Practice Beispiel“ in Mitteleuropa fehlt den Entscheidungsträgern oft der Mut, ein solch innovatives Projekt durchzuführen. Für Aachen wurde im Zuge der Campusanbindung bereits in 2009 eine Machbarkeitsstudie erstellt, aus der eine sogenannte 3-S-Seilbahn als eindeutiger Favorit der Gutachter hervorging. Doch ganz offensichtlich fehlte auch uns hier in der Kaiserstadt Aachen bislang die weitsichtige Courage.

Dennoch beginnen sich die Vorteile langsam herumzusprechen. So werden Seilbahnprojekte aktuell in zahlreichen deutschen Städten mit Nachdruck verfolgt, bspw. in Bonn, Köln, München und in zahlreichen weiteren Kommunen. Es ist für Aachen an der Zeit aufzuwachen!

Wie sehen urbane Seilbahnen eigentlich aus?

Zu eindrücklichen Bildern verweisen wir auf die angehängten Links. Einem Vorurteil kann man jedoch bereits hier entgegentreten: Urbane Seilbahnen müssen nicht „sehr hoch“ operieren! In der für Aachen 2009 erstellte Machbarkeitsstudie zur Verbindung zwischen Super-C – Campus West – Campus Melaten – RWTH-Klinikum fahren die Gondeln in einer Höhe von 6-9 Metern. Lediglich zur Kreuzung der Eisenbahnanlagen werden 16 Meter erreicht.  Bitte folgen Sie dem Link zur Studie, um Eindrücke zu dieser Seilbahnlinie im Aachener Stadtbild zu gewinnen.

Der Nutzer einer ÖPNV-Seilbahn wird sich kaum an Abfahrzeiten halten müssen: Alle 2 Minuten hebt die nächste Gondel ab! Dadurch wird sich schnell die Akzeptanz für diese neue Beförderung ergeben.

Das Öko-Potenzial von Seilbahnen im städtischen Umfeld

Es ist schwierig, verlässliche Quellen zur vergleichenden Umweltbelastung der verschiedenen Verkehrsträger zu recherchieren. Hier zitieren wir eine Darstellung von Joel Jakob Hamborg (2016), die sich wiederum auf Quellen von 2009 bezieht.

 

Der hier gegebene Vergleich weist Seilbahnen als besonders effizient aus. Die tatsächliche Energieeffizienz ist allerdings nicht unumstritten (vergleiche dazu den Beitrag „Urbane Seilbahnen“ des  Fairkehr-Magazins). Eine vergleichende Öko-Bilanzierung ist meist kritisch zu betrachten, da die jeweilig analysierten Systemgrenzen oftmals interessensgesteuert verschoben werden.

Für die Vision einer „Aachener Lösung“ sind keine großen Höhendifferenzen energieintensiv zu überwinden. Neue Gebäude wie Seilbahnstationen und die Gondeln selbst können zudem selbstverständlich auch zur solaren Energiegewinnung genutzt werden.

Derzeit gehen wir mit der überwiegenden Zahl der Fachleute davon aus, dass Seilbahnen im Vergleich der Verkehrsträger sowohl ökologisch als auch ökonomisch die günstigste Variante sind. Dies resultiert bereits aus dem minimalen Flächenbedarf, dem äußerst geringem Bauaufwand sowie aus den minimalen Wartungs- und Personalaufwendungen. Eine Seilbahn bewegt sich im Gegensatz zu einer Stadtbahn erschütterungsfrei und nahezu lautlos durch die Stadt. Deshalb fordern wir eine sofortige Aufnahme von Planungen zu realisierbaren Strecken in Aachen – zumal vor dem Hintergrund des erklärten Klimanotstandes!

Die Campus-Linie: Entlastung für den bodengebundenen Verkehr

Bereits gut vorbereitet ist die Campus Linie ausgehend vom Super-C über den West- und den Melaten-Campus zum RWTH-Klinikum. Von den Gutachtern als einfache Erweiterung vorgeschlagen ist eine Verlängerung zur Vaalser Straße und bis hinauf zum Dreiländerpunkt. Diese Streckenführung betrifft keine Wohnbebauung, was die Umsetzung vereinfacht. Die Seilbahn kann niedrig in Bereich von 5-9 Metern über dem Boden erfolgen. Somit ergibt sich definitiv keine „Beeinträchtigung des Stadtbildes“. (Die im übrigen selbst bei höher geführten Linien nicht unbedingt erkennbar ist. Im Gegenteil: Eine Seilbahn kann im Stadtbild durchaus als markante Bereicherung empfunden werden – insbesondere im Vergleich zur Stadtbahn auf Gleisbetten.)

Die Ring-Linie: vom Bahnhof in den Up-Bus, abheben und zielgenau ankommen

Mit Vorstellung des up-bus wurde durch die RWTH-Wissenschaftler Tobias Meinert und Prof. Kai-Uwe Schröder zur Verdeutlichung ihres Konzeptes auch eine Anwendung für Aachen beschrieben. Fahrgäste können am Hauptbahnhof in die Kabine einsteigen und von dort mit den autonom fahrenden „Bus“ über eine separate Spur zur Normaluhr fahren. Hier wird die Kabine automatisch an die Seilbahn gehängt und entschwebt mit den Fahrgästen auf eine Runde über die Wilhelmsstraße und Alleenring in Richtung Ponttor. Von dort kann der Kabinenbus Ziele wie West-Campus oder andere RWTH-Einrichtungen dann wieder ebenerdig ansteuern.

Wir halten diesen Vorschlag für sehr vielversprechend. Insbesondere eine umstiegsfreie Verbindung mit der „Campus-Linie“ erhöht den Gesamtnutzen. So ist es vorstellbar, dass ein Besucher mit der Bahn Aachen erreicht und am Hauptbahnhof in eine Kabine steigt. Nach etwa 40 Minuten könnte er am Dreiländerpunkt einen Kaffee bestellen.  Bereits auf dem panoramareichen Hinflug kann er sich überlegen, an welcher Stelle er auf seinem Rückflug nach Aachen „eintauchen“ möchte.

Die Tivoli-Linie: Das Erlebnis für Besucher und Pendler

Nach wie vor werden Pendler und Besucher Aachens natürlich auch über die Autobahn anreisen. Zur Entlastung des innerstädtischen Verkehrs können diese nach nur 2 Ampeln die großzügigen Parkflächen am Tivoli erreichen. Im Parkticket enthalten: der Seilbahntransfer (oder für Höhenempfindliche per Bus) in die Innenstadt, von der Tivolibrücke in direkter Linie über die Krefelderstrasse hinauf zur Bastei und von da hinab zum Sandkaul oder auf den zentralen Bushof.

In der UWG wird diese Linie bereits über mehrere Jahre diskutiert. Auslöser war die Überlegung, dass der saisonal starke Busverkehr durch Touristen immer wieder zu Störungen im städtischen Verkehr führt. Insbesondere sind erhebliche Flächen ausschließlich für den ruhenden Touristenbusverkehr ausgewiesen. Diese Flächen müssen für andere Verkehrsträger erschlossen werden. Gleichzeitig kann durch die dann anzubietende „park & fly“ Möglichkeit mit der Seilbahn für Besucher Aachens eine neue Attraktion geboten werden. Eine solche Linie wird mehr Besucher nach Aachen lenken. Und diese würden im Vergleich zu heute schneller im Herzen Aachens ankommen.

Die Seilbahn als Element einer neuen städtischen Logistik

Zur Implementierung von neuartigen Logistikzentren zur Verteilung von Waren in die Stadt wird bereits neben anderen der Standort Tivoli für Aachen diskutiert. Eine Tivoli-Seilbahnlinie ist mit Personenverkehr vermutlich nur saisonal ausgelastet. Wird jedoch der Bedarf für neue Waren- und Liefer-Logistik einbezogen, und erwägt man die Tivoli-Umgebung als Standort, wird es naheliegend, auch den Liefercontainer des Logistikzentrums mit der Seilbahn zu liften.

Eine Vision für Aachen

Wir halten es für sinnvoll, hier die vielversprechenden Entwicklungen der RWTH zum up-bus und zum duck-train in einem Gesamtkonzept zu bündeln. Wir setzen uns für eine Überprüfung ein, ob sich ein optimiertes System für den zukünftigen Personen- und Lieferverkehr als Netzwerklösung ergeben kann. Kommunalpolitik, Kommunalbetriebe, Wissenschaft und auch lokale Industrieunternehmen Aachens können an einem Strang ziehen und offensiv mit der Kompetenz ihrer Bewohner eine „Best-Practice“ Lösung für andere Kommunen weltweit liefern.

Unser Fahrplan (so geht das):

Oktober2020:
Prüfen der Einbindung der ASEAG und ausgewählter Industriebetriebe Aachens
Eilantrag im Rat der Stadt: Vergabe einer interdisziplinären Vorstudie an die RWTH
Initiierung eines Verfahrens zur Bürgerbeteiligung

Mai 2021:
Gründung eines Projektkonsortiums
Einwerben von Fördermitteln
Vergabe von Forschungs- und  Entwicklungsaufträgen

2022:
Prototypen und Teststrecke
Grundstücksrechte & rechtliche Absicherung

2023:
Baubeginn und Inbetriebnahme einer ersten Linie

weitere links:

Missing Link? Seilbahnen im ÖPNV

Seilbahnen als urbanes Verkehrsmittel

Heiner Monheim, Christian Muschwitz, Wolfram Auer, Matthias Philippi (2010): Urbane Seilbahnen  »Moderne Seilbahnsysteme eröffnen neue Wege
für die Mobilität in unseren Städten« Planungshandbuch

Seilbahnen -ÖPNV Alternative über dem Stau

Eine Seilbahn als urbanes Verkehrsmittel in München